reportage

agit, 30

Es ist der 4. März 2023. Der Bochumer Junge Agit Kabayel boxt in seiner Heimatstadt vor etwa 3.000 Menschen. Es geht um den Europameister-Titel im Schwergewichtsboxen.

Die zurückliegenden Jahre waren nicht einfach für Agit. Dieser Abend, er soll sein Neustart werden. Es ist laut, die Stimmung ist angeheizt, Fans feuern ihren jeweiligen Favoriten an. In der zweiten Runde dann der Schock: Eine Salve an Schlägen prasselt auf Agit ein, er geht zu Boden. Es wird still in der Halle. Überall bange Blicke. Doch dann rappelt sich Agit wieder auf, kämpft sich zurück, holt das Publikum aus der Schockstarre. In der dritten Runde siegt der Bochumer durch K.O. „Ich habe in meinem Leben so viel erlebt, da richten so ein paar Schläge bei mir nichts aus“, erklärt er im Anschluss an das Match. „So einen Kampf, so eine emotionale Achterbahn, das hast du nicht oft im Boxsport.“  

Und dann ist Agit Europameister. Eine Heldengeschichte, als stamme sie aus einem Hollywood-Film. Nur spielt sie dieses Mal in seiner Heimatstadt Bochum. Der Boxer schafft es regelmäßig, die Menschen mit viel Einsatz und Willen für sich zu begeistern. Seine Ziele erreicht er allen Widrigkeiten zum Trotz. Hinfallen, Aufstehen, Weitermachen. „Durch Herz gewinnst du das Publikum.“ Diese Einstellung, sie zieht sich durch seine Karriere. Den Menschen bei uns im Ruhrgebiet wird eine Malocher-Attitüde zugeschrieben. Agit verkörpert sie durch und durch. 

Geerbt hat er sie von seinen Eltern. „Die haben immer geschuftet“, erinnert er sich. „Mein Vater hat uns beigebracht, dass wir in den sauren Apfel beißen müssen, um unsere Ziele zu erreichen.“ Agit kommt aus schwierigen Verhältnissen. Als er vier oder fünf Jahre alt war, eröffnete sein Vater eine Dönerbude. Agit lebte das erste Jahr mit seinem Bruder und seinen Eltern im Hinterzimmer. Ein Raum: Schlafen, Wohnen, vier Leben. Der Vater gründete neue Unternehmungen. Die Wohnsituation verbesserte sich, und die Familie schlug Wurzeln in Bochum-Wattenscheid, aber die Maloche geht weiter. „Mama und Papa waren nie richtig zu Hause, die kamen immer spät von der Arbeit.“ Mit Fleiß, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr, kämpften die Eltern um ihren Platz in Deutschland. Achtung erhält man hier nur über Arbeit. Der Sohn zahlte dafür einen Preis, wie viele seiner Generation: Als Teenager verbrachte Agit viel Zeit allein. Schon früh musste er lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. „Meine Mutter sagt heute oft: ‚Wieviel Zeit ich von eurer Kindheit verloren habe.‘“    

Dass er Profisportler werden will, war Agit schon früh klar. Er widmete sich in seiner Jugend zunächst dem Fußball, merkte jedoch schnell: Zum großen Erfolg würde es hier nicht reichen. Das machte ihm zu schaffen. Er hörte auf zu spielen, wurde depressiv und nahm stark zu. Unzufrieden mit dieser Situation, fand er erst zum Kickboxen und dann schließlich zu seiner großen Liebe, dem Boxsport. Vom Teamplayer zum Einzelkämpfer. Mit 17 Jahren stieg er für seinen ersten offiziellen Kampf in den Ring.

Heute lebt der Dreißigjährige vom Boxsport. Seine Familie ist ihm wichtig. Noch hat er selbst keine Kinder, aber er weiß, dass er in Zukunft eine Familie gründen möchte. Damit seine eigenen Kinder später einmal nicht so viel Zeit allein verbringen müssen, sorgt er bereits jetzt finanziell vor. In seiner Jugend lernte er von seinen Eltern, bescheiden zu leben. Und doch ist seine Welt eine, die bis zum Rand mit Statussymbolen gefüllt ist: Autos, teure Uhren, Markenkleidung. Dinge, die er sich heute leisten kann. Als er jung war, lernte er das Gefühl der finanziellen Ausgrenzung kennen. Wenn die dicken Autos vorfuhren, während er selbst noch überlegte, wie er den alten Opel Astra über den TÜV bringt. Zu seinem Freundeskreis gehörten damals schon Profifußballer und Rapper – er war umgeben von Personen aus Bereichen, in denen viel Geld fließt. Agit hat gelernt, dass Statussymbole eine ganz eigene Währung sein können. Sie bringen Akzeptanz. „Du willst ja auch in der Gesellschaft akzeptiert werden. Du gönnst dir eine Rolex, damit du in die Gesellschaft reingehörst.“ In den Kreisen, in denen er verkehrt, sei Materielles vielen Menschen wichtig. Sich unter Wert zu verkaufen, sähen viele als Schwäche. Deshalb sei es ihm zu Beginn seiner Karriere auch wichtig gewesen, etwa Geschäftsleute durch sein Äußeres davon zu überzeugen, dass er was auf dem Kasten habe. „Die gucken nicht, ob du was im Kopf hast, die gucken, wie du aussiehst. Wie willst du als nicht-deutsch Aussehender zeigen, dass du erfolgreich bist?“ Er habe dazu gelernt, sei nun reifer geworden. Heute sei es ihm viel wichtiger, seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen und den Menschen um ihm herum ein gutes Gefühl zu geben.

Der Bochumer ist bereits das zweite Mal Europameister im Schwergewichtsboxen. Das erste Mal legte er seinen Titel selbst nieder, weil er die große Chance erhielt, um den Weltmeistertitel zu boxen. Ende 2020 hätte es so weit sein sollen. Sein großer Traum war zum Greifen nah. Die Verträge waren ausgehandelt und unterschrieben, alles schien in trockenen Tüchern. Doch dann, kurz vor dem Kampf, kam der Anruf, der Agit vorerst auf die Bretter schickte. Der harte Corona-Lockdown im Winter machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Der Kampf platzte. „Die Welt steht. Du weißt nicht, wann es wieder weitergeht. Wie sieht deine Perspektive aus?“, erinnert er sich.

Die Welt steht. Du weißt nicht, wann es wieder weitergeht. Wie sieht deine Perspektive aus?

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„Zu der Zeit dachte ich, ich falle in eine Depression, mein Traum ist vorbei. Du sitzt alleine zu Hause mit deinen Gedanken und fragst dich, wo soll das jetzt hinführen?“ Es führte zu Existenzängsten, Angstzuständen, Panikattacken. Agit konnte nicht mehr schlafen. „Die Wände kamen immer näher, die Luft blieb weg und das Herz raste.“ Das Kämpferherz ging gewohnt pragmatisch mit der Situation um. Agit ging spazieren, versuchte den Kopf freizubekommen, noch an etwas anderes zu denken als an den Boxsport. Die Einsamkeit machte ihm zu schaffen. 

In jener Phase dachte er oft zurück an die frühen Zeiten seiner Karriere. 2014 reiste er nach Polen, um ein paar Wochen sehr intensiv und mit starken Partnern zu trainieren. Die Umstände waren hart. Dort war er komplett allein in einem Land, in dem er die Sprache nicht verstand, seine Unterkunft diente eher zum Hausen als zum Leben. Beim Sparring bekam er einen harten Schlag auf den Hinterkopf. „Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo ich bin und was ich hier mache.“ Sein Trainer reiste nach Polen, er wollte Agit nach Hause holen. Der Boxer blieb und biss sich durch. Sein Durchhaltevermögen zahlte sich aus. Ein Boxpromoter bot ihm einen Kampf an, den Agit innerhalb der ersten Sekunden mit einem Knockout durch Leberhaken klar für sich entschied. Diese Episode brachte ihn im Boxgeschäft weiter nach vorn.

Doch der Gedanke, dass seine Karriere den Lockdown nicht unbeschadet überstehen könnte und er dann nochmal in solch widrigen Umständen trainieren und leben müsse, begleitete ihn.

Manchmal fühlt sich Agit auch heutzutage im eigenen Land fremd. Nach einem Kampf in Magdeburg bat ein junges Mädchen ihn um ein Foto – auf Englisch. Als er im akzentfreien Deutsch antwortete, reagierte sie verblüfft. „Ach, der spricht ja auch Deutsch.“ In seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, geschehen solche Situation eher nicht. „Es ist Multi-Kulti hier geworden. Hier ist es egal, ob du Achim, Mohammed, Hassan, Ali, Hans, Thomas oder Martin heißt.“

Hier ist es egal, ob du Achim, Mohammed, Hassan, Ali, Hans, Thomas oder Martin heißt.

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Ob das auch für den Boxsport gelte, bezweifeln manche. Die Bilanz des 1,91 Meter großen Bochumer Hünen ist beeindruckend: 23 Siege, 0 Niederlagen. Mehr als die Hälfte der Kämpfe entschied er durch Knockout. Den Europameistertitel erboxte er sich zwei Mal. Trotzdem ist Agit Kabayel in Deutschland relativ unbekannt. Der Boxsport habe seine besten Zeiten in der letzten Dekade mit Legenden wie Gentleman Henry Maske, und den Klitschko-Brüdern hinter sich gelassen, sagen die einen. „Würde hier ein Achim stehen, anstatt ein Agit, wäre die Aufmerksamkeit viel größer“, findet der Europameister. Seinen Namen zu ändern, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen, wie es andere Boxer getan haben, sei ihm jedoch nie in den Sinn gekommen. „Wir haben uns mal einen Joke daraus gemacht, dass wir mich Achim Kammerjäger nennen sollten“, sagt Agit und lacht. 

Die Aufmerksamkeit von über 200.000 Followern auf Instagram ist dem Sportler jedoch gewiss. Er freut sich darüber, weiß aber auch: „Durch Social Media sehen die Leute nur die schönen Seiten. Sie sehen ja nicht, wenn du zu Hause auch mal alleine auf dem Bett sitzt. Dieser ganze Erfolgsdruck macht was mit dir. Jedes Mal ein Kampf im Kopf und die Frage, ob du stark genug bist.“ 

Wenn er nicht gerade im Gym trainiert, ist Agit in der Vorbereitungsphase vor einem Kampf fast immer allein. Seine Arbeitszeiten sind ungewöhnlich. Er geht ohne Gesellschaft essen, beschäftigt sich viel mit sich selbst. „Alleinsein ist nicht schön,“ das weiß er heute. „Ich war in meinem Leben oft allein.“ Als Boxer, als Einzelkämpfer, ist er selbst verantwortlich für das, was im Ring geschieht. Jeder Fehler geht auf sein Konto, jeder Schlag, den er selbst einsteckt, liegt in seiner Verantwortung. Im Ring ist er auf sich gestellt, während alle anderen auf ihn und seinen Gegner schauen. Vor jedem Boxkampf führt Agit einen Kampf mit sich selbst. „Du willst abliefern, willst niemanden enttäuschen.“ Dieses Gedankenkarussell kann vor dem Match schnell erschöpfen. Sobald er allein ist, arbeitet der Kopf ohne Pause. In den letzten drei bis fünf Tagen vor einem Kampf ist es wichtig, dass Agit eben nicht allein ist. Er umgibt sich mit einem guten und gesunden Umfeld. Er verbringt bewusst eine schöne Zeit mit guten Menschen. Gemütlich muss es sein, nicht zu laut und nicht zu leise. Eine Zeit, in der niemand Mist baut, die ihn aus seinen eigenen Gedanken herausholt. Eine Zeit, die ihn motiviert. Die mentale Vorbereitung ist mindestens genauso wichtig wie das körperliche Training. 

Agit bedeutet Kämpfer. Ein passender Name.

Der Name Agit ist kurdisch und bedeutet mutig, Kämpfer, Krieger. Der Mut und der Kampf – sie prägen sein Leben seit jeher. Heutzutage ist das Boxen ein Teil von ihm geworden. Wenn er davon spricht, wenn er in den Ring steigt, dann beginnen seine Augen zu leuchten. „Boxen ist echt. Das kannst du halt nicht spielen“, sagt er. Ein neuer Kampf ist schon in Sicht. Ein weiterer Schritt zum Traum eines Kampfes um den Weltmeistertitel. Für Agit heißt das wieder: viel allein sein, Zähne zusammenbeißen. Es ist Zeit für den Kampf vor dem Kampf.